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aus "Kirche am Ort" 4/2023

Wer ist wie Gott?

Einer der beliebtesten Bibelsprüche stammt aus dem Alten Testament.

Er steht im 91. Psalm: „Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“ Ps 91,11

In letzter Zeit haben viele ihre Kinder taufen lassen und oft durfte ich diesen Spruch dem Täufling am Taufbecken zusprechen. Das Bild von Engeln, die uns behüten, ist wunderschön!

Nach einer Umfrage glauben in Deutschland tatsächlich mehr Menschen an Engel als an Gott. „Ich hatte einen guten Schutzengel“, sagen wir, wenn Kräfte, die uns gefährdeten, gebannt wurden. Oder wenn wir im Straßenverkehr vor einem schweren Zusammenstoß bewahrt blieben. So gibt es auch den witzigen Aufkleber an manchen Autos mit der Aufschrift: Fahre nicht schneller als dein Schutzengel fliegt! Haben Sie es gewusst, dass auch die evangelischen Christen einen Feiertag haben, der Engeln gewidmet ist? Der 29. September ist der Tag des Erzengels Michael und aller Engel. Der Name „Michael“ ist sehr verbreitet. In fast allen Ländern ist er bekannt, muss nicht buchstabiert werden und wird nicht nur an Jungen vergeben, sondern gerne in der weiblichen Form als Michaela auch an Mädchen. Der Name erinnert an den Erzengel Michael, der das Böse besiegt hat. So lesen wir im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung, Kapitel 12,7-9.10a:

Es brach im Himmel ein Krieg aus. Michael mit seinen Engeln kämpfte gegen den Drachen. Der Drache mit seinen Engeln wehrte sich; aber er konnte nicht standhalten. Samt seinen Engeln musste er seinen Platz im Himmel räumen. Der große Drache wurde hinuntergestürzt! Er ist die alte Schlange, die auch Teufel oder Satan genannt wird und die ganze Welt verführt. Er wurde auf die Erde hinuntergestürzt mit allen seinen Engeln.

Und eine mächtige Stimme im Himmel sprach: »Jetzt ist es geschehen: Unser Gott hat gesiegt! Jetzt hat er seine Gewalt gezeigt und seine Herrschaft angetreten! Jetzt liegt die Macht in den Händen des Königs, den er gesalbt und eingesetzt hat!

Übersetzt aus dem Hebräischen ins Deutsche heißt Michael: Wer ist wie Gott? Es ist eine rhetorische Frage, denn keiner ist wie Gott. Aber mit dieser Frage wird das Erstaunen über das Wesen Gottes, das alle bisherigen Erfahrungen übersteigt, zum Ausdruck gebracht: unbegreifliche Größe, allumfassende Schöpferkraft und unendliche Liebe.

Am Michaelistag wird daran erinnert, dass das Böse nur begrenzte Macht hat. Gott hat auch das Böse in seiner Hand. Oder wie Dietrich Bonhoeffer es 1944 formuliert hat:

„Ich glaube, dass Gott aus allem –auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen die Erfahrung des Psalmbeters (91,11): „Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“

 

Ihr Pfarrer Joachim Kühnle

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