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aus "Kirche am Ort" 1/2019

Wann ist die Kirche voll?


Der Gottesdienst hat gut getan! Alles hat gepasst! Die Lieder waren bekannt und ließen sich leicht singen. Das  Orgelvorspiel und das Stück zum Ausgang waren so schön, dass man hätte klatschen mögen. Die Texte waren gut auf den Sonntag im Kirchenjahr abgestimmt. Auch die anwesende Trauerfamilie hat sich aufgehoben gefühlt. Die ganze Atmosphäre war stimmig.

...Es waren wieder einmal (nur) etwas über 20 Menschen zusammen gekommen, um Gottesdienst zu feiern und gestärkt und gesegnet in die neue Woche zu gehen…

Beim Abschied an der Kirchentür ist für jeden noch Zeit für ein kleines Wort, ein „Aufwiedersehen“ oder einen Wunsch für den Tag. Manch einer bedankt sich für das Gehörte. Und immer wieder fällt der Satz: „Das ist aber schade, dass wieder so wenig Leute da waren!“ oder „Sie hatten so viel Arbeit für uns wenige Menschen!“

Und ich sage dazu: „Es lohnt sich für jeden Einzelnen!“ Wir scheinen wenige, aber wir sind beim Gottesdienstfeiern nicht unter uns! Gott ist auch da, im Gemäuer, im Kerzenlicht, in den Blumen als Abbild der Schöpfung und in dir und mir. Der Heilige Geist weht durch Noten und Buchstaben! Und Christus „sitzt“ neben uns mit auf der Bank und nimmt uns vom Kreuz aus wahr - jede und jeden!

Durch die traditionelle Liturgie verbinden wir uns mit den Generationen vor uns und nach uns. Beim Vaterunser reihen wir uns ein in die weltweite Christenheit. Und wenn wir den Fürbitten etwas zutrauen, dann schauen wir weit über den Tellerrand und die Gemeindegrenzen hinweg und sehen die Not der Menschen und stellen sie im Gebet vor Gott.

Und wenn wir mal wieder „nur“ über 20 im Gottesdienst sind, dann mag das wenig scheinen, Gott genügt das! Denn Jesus hat gesagt, es braucht nur zwei oder drei, die in seinem Namen versammelt sind. Die Pfarrersleut‘, Prädikantinnen und Prädikanten, sie reden für die Ohren, teilen ihre Gedanken zum Bibeltext und dem Thema des Sonntages mit der Gemeinde. Das Herz aber rührt Gott an. An Gottesdienstfeiern sind viel mehr beteiligt, als sich an Fingern abzählen oder in Statistiken festhalten lässt.

Wann ist die Kirche also voll? An Weihnachten, wenn die Leute, die später kommen, keinen Platz mehr finden? Wenn etwa 10% der Gemeindeglieder sich sonntags zum Gottesdienst aufmachen? (Das wären bei uns über 150 Menschen!)

Ich denke, Sie kennen nun die Antwort auf die Frage, ob und ab wie vielen Feiernden sich Gottesdienst lohne.
Eine Frau sagt übrigens ganz häufig am Ausgang: „Das war heute wieder ganz besonders für mich!“ Und da hat sie jedes Mal Recht! Denn die Kirche ist „voll“, wenn Sie da sind und noch ein, zwei neben Ihnen sitzen!

Ihre

Claudia Kühnle

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